02.02.2005
Erst der Untertitel dieses Buches enthüllt die Thematik um die es geht. Er lautet: Kriegsverbrechen auf dem Balkan vor Gericht. Zugegeben, keine leichte und schon gar keine vergnügliche Lesekost, aber eine wichtige. Für viele mag der Balkankrieg schon fast vergessen sein, für viele andere jedoch längst noch nicht, schon gar nicht für die damals Betroffenen. Slavenka Drakulic, geboren im Jugoslawien Titos, spürt den Ursachen für diesen Krieg nach, stellt Fragen nach den Tätern und den Opfern, den Mitläufern und den Ignoranten, den Zeugen und den Leugnern und sie macht in diesem Buch klar, daß es eben nicht "Monster" waren, sondern ganz normale Menschen wie Du und ich. Das wirft natürlich weitere Fragen auf, die weit über die Balkankriege hinausreichen und denen wir nicht ausweichen dürfen, wenn wir verstehen, verarbeiten und vor allem selber nicht so enden wollen. Slavneka Drakulic hatte Gelegenheit die Prozesse in Den Haag im Zusammenhang mit den Balkankriegen zu beobachten. Es gelingt ihr das (verquere) Denken und die (verquere) Sicht der Täter nachvollziehbar zu erklären, es gelingt ihr zu vermitteln, warum in allen beteiligten Lagern so wenig Bereitschaft vorhanden ist, sich mit dem, was in den Jahren der jüngsten Balkankriege geschehen ist, ehrlich auseinanderzusetzen. Ebenso gelingt es ihr nicht einseitig einer Seite Schuld zuzuweisen, was wohl nur wenigen gelingt. Sie zeigt, daß es auf allen Seiten Schuld gab und gibt und daß darin schon der Same zu evtl. neuen Auseinandersetzungen in der Zukunft liegen, wenn das Erlebte nicht vernünftig aufgearbeitet wird. Sehr viel Hoffnung scheint sie diesbezüglich allerdings nicht zu haben und wenn man liest, warum nicht, ist das ebenfalls verständlich. Es ist ein wichtiges Buch, das Slavenka Drakulic geschrieben hat, nicht nur weil es Zeugnis ablegt über einiges was während der Balkankriege Anfang der 90er Jahre geschah, sondern auch weil sie es schafft darüber hinaus allgemeingültige grundsätzliche Fragen aufzugreifen. So z.B. wie es möglich wurde bzw. möglich ist, daß ganz normale Menschen, wie Du und ich, plötzlich zu Greueltaten fähig sind und ohne Skrupel diejenigen morden, mit denen sie zuvor friedlich zusammengelebt haben ohne dafür im Nachhinein irgendwelche Reue zu empfinden. Die Frage: Wie kann es überhaupt zu Kriegen kommen? Wer ist verantwortlich? Bringt es etwas Kriegsverbrechen in einem anderen Land (als dem, wo sie geschehen sind) - in unserem Fall eben in Den Haag - vor Gericht zu bringen? Wie schafft man es, den Tätern verständlich zu machen, wofür und warum sie in einem fremden Land für etwas verurteilt werden, während sie vielleicht in ihrem Heimatland als Helden gefeiert werden? Sachlich berichtet Drakulic im Epilog über die Haftbedingungen derjenigen, die in Den Haag vor Gericht stehen und wie sich dort unter den Gefangen der verschiedenen Nationalitäten (Serben, Kroaten, Bosnier) die sich so blutig bekämpften plötzlich wieder etwas wie "Bruderschaft" - eine Art "Jugoslawien im Kleinen" - bildet. Man hält zusammen gegen die Fremden die sich anmaßen, über sie zu Gericht zu sitzen und zu urteilen.